100 Kilometer im Sattel, sieben Stunden reine Reitzeit und die nächsten großen Ziele bereits vor Augen: Die Oberösterreicherin Teresa Kirisits hat im Distanzreiten ihre sportliche Heimat gefunden. Gemeinsam mit ihrem 14-jährigen Araber Zhingal arbeitet die 19-Jährige unter Trainerin Daniela Entner derzeit an der nächsten großen Herausforderung: der Qualifikation für die Jugend-Weltmeisterschaft 2027.
Dass Pferde einmal eine zentrale Rolle in ihrem Leben spielen würden, war Teresa Kirisits beinahe in die Wiege gelegt. Ihre Mutter ist Tierärztin, Pferde gehörten in der Familie schon immer dazu. Mit gerade einmal zwei Jahren saß die Oberösterreicherin erstmals im Sattel, später lernte sie auf einer familieneigenen Araberstute das Reiten. „Für mich war das lange etwas ganz Selbstverständliches. Gerade als Teenager habe ich das gar nicht so geschätzt und hatte eine Phase, in der mich das Reiten kaum interessiert hat“, erzählt die 19-Jährige.
Das änderte sich, als sie Zhingal übernehmen durfte. Der Araber war ursprünglich das Pferd ihrer Mutter – und stellte Kirisits vor eine völlig neue Aufgabe. Reiterin und Pferd mussten gemeinsam lernen. Einfach war dieser Weg nicht. „Wir sind beide sehr ehrgeizig, aber auch sehr stur. Wenn ich etwas gemacht habe, das er unfair fand, hat er mir das sofort gezeigt. Am Anfang bin ich oft verzweifelt nach Hause gekommen und habe zu meiner Mama gesagt: Ich fahre nie wieder in den Stall. Am nächsten Tag bin ich trotzdem wieder hingefahren“, erinnert sich Kirisits mit einem Lachen.

Gerade diese schwierigen Anfangsjahre haben die beiden zusammengeschweißt. „Bei Zhingal musste ich mir sein Vertrauen wirklich verdienen. Das hat lange gedauert, aber genau deshalb ist unsere Beziehung heute so eng. Mittlerweile würde ich mit diesem Pferd alles machen“, sagt die Distanzreiterin.
Von der Dressur auf die lange Strecke
Ihre ersten sportlichen Erfahrungen sammelte sie im Dressurviereck. Mit der Zeit fehlte ihr dort jedoch die Abwechslung. Gleichzeitig war Kirisits immer schon gerne im Gelände unterwegs. Den entscheidenden Impuls für den Wechsel zum Distanzreiten gab schließlich ihre Mutter, die selbst viele Jahre eng mit der Disziplin verbunden war und unter anderem das österreichische Jugendteam als Tierärztin betreute und als FEI-Tierärztin im Einsatz war.
Mit 15 Jahren bestritt Kirisits ihren ersten Distanzritt – und war sofort begeistert. Statt weniger Minuten im Viereck warten im Distanzsport stundenlange Ritte durch unterschiedlichstes Gelände. Tempo und Ausdauer sind dabei nur ein Teil der Herausforderung: Entscheidend ist, das eigene Pferd über die gesamte Strecke gesund und leistungsfähig zu halten. Tierärztliche Kontrollen während und nach dem Bewerb gehören deshalb ebenso zum Sport wie taktisches Reiten und ein ausgeprägtes Gefühl für den Partner Pferd. „Wenn man nach vielen Kilometern ins Ziel kommt, beim Tierarzt steht und hört: Gratuliere, ihr seid durch – dann gibt es fast kein schöneres Gefühl“, beschreibt die 19-Jährige die Faszination des Distanzreitens.
Bis zu 100 Kilometer hat sie mit Zhingal bereits erfolgreich absolviert. Allein die reine Reitzeit kann dabei sieben Stunden und mehr betragen. Ende September soll nun der nächste Schritt folgen: ein Start über 120 Kilometer. Diese Distanz ist für die Oberösterreicherin besonders wichtig, denn für die internationale Zwei-Sterne-Qualifikation benötigt sie zwei erfolgreiche Ritte über 120 Kilometer. Gelingt ihr diese Qualifikation rechtzeitig, könnte sich in ihrer letzten Saison im Jugendbereich die Tür zur Weltmeisterschaft öffnen.

Das Pferd gibt den Weg vor
Der Weg dorthin ist allerdings alles andere als selbstverständlich. Zhingal musste zuletzt verletzungsbedingt pausieren, weshalb Kirisits einen Großteil der Saison ausließ. Inzwischen ist der 14-Jährige wieder im Training. Die sportlichen Ziele ordnet die 19-Jährige dennoch klar der Gesundheit ihres Pferdes unter.
„Die Weltmeisterschaft ist mein großes Ziel. Aber wenn es sich nicht ausgeht, ist das für mich auch kein Weltuntergang. Das Wichtigste ist, dass es Zhingal gut geht. Gerade im Distanzreiten kann und darf man nichts erzwingen. Ein Pferd, das nicht hundertprozentig fit ist, schickt man nicht über 100 oder 120 Kilometer“, betont Kirisits.
Auch organisatorisch verlangt ihr der Sport einiges ab. Distanzturniere sind in Österreich rar geworden, für Wettkämpfe führen die Reisen deshalb regelmäßig ins Ausland. Kirisits war unter anderem bereits in der Slowakei am Start. Die langen Fahrten nimmt sie gerne in Kauf – auch weil sie dabei Strecken und Menschen kennenlernt, denen sie sonst kaum begegnen würde. Dabei ist Kirisits bei ihren Turnieren nicht auf sich allein gestellt. Ein wichtiger Rückhalt ist ihr Team, das sie zu den Bewerben begleitet und sie vor allem während der langen Ritte auf der Strecke unterstützt. Mit dabei sind insbesondere ihr Vater und Kathrin Dorfmeister, eine langjährige Freundin der Familie.
Seit ihrem Wirtschaftsstudium in Wien ist die Trainingsplanung noch anspruchsvoller geworden. Rund zwei Stunden liegen zwischen Studienort und Heimatstall. Gemeinsam mit Trainerin Daniela Entner versucht Kirisits dennoch, ihre letzte Zeit als Nachwuchsreiterin bestmöglich zu nutzen.
Was danach kommt, lässt sie bewusst offen. Zhingal ist mittlerweile 14 Jahre alt, Kirisits selbst wechselt nach der kommenden Saison aus dem Jugendbereich zu den Erwachsenen. Ein jüngeres Pferd, eine Pause oder doch der direkte Einstieg in die nächste sportliche Etappe – entschieden ist noch nichts.
Vorerst zählt ohnehin nur der nächste gemeinsame Kilometer. Und davon haben Teresa Kirisits und Zhingal wohl noch einige vor sich.
