Vor 15 Jahren musste Sandra Migl noch selbst mitreiten, damit bei den ersten Working-Equitation-Bewerben in Österreich genügend Paare am Start waren. Heute betreut sie als OEPS-Bundesreferentin und Wiener Landesreferentin eine anerkannte, stetig wachsende Sparte – mit 30 Lehrwart:innen, Turnieren mit bis zu 150 Teilnehmer:innen und international erfolgreichen Reiterinnen.
Eigentlich wollte Sandra Migl die Working Equitation nur zwei oder drei Jahre lang in Österreich vorstellen, Veranstaltungen organisieren und danach selbst mit einem eigenen Pferd aktiv werden. Es kam anders. Heute unterstützt sie neue Veranstalter:innen, koordiniert Landesreferent:innen, organisiert Turniere und ist als nationale und internationale Richterin tätig.
„Mittlerweile zieht der Sport so stark an, dass es immer mehr Veranstaltungen und immer mehr Arbeit gibt. Wenn man alles ordentlich betreut, ist das eigentlich ein Fulltime-Job“, erzählt die OEPS-Bundesreferentin im Podcast „Die Horse Queen im Talk“ in Folge 7.
„Wir haben wirklich bei null begonnen“
Migls reiterlicher Weg führte über die Dressur, das Springen bis Klasse L und mehrere Jahre im Horseball zur Working Equitation. Bei einer Vorführung am Marienhof in Spillern lernte sie die damals in Österreich noch weitgehend unbekannte Disziplin kennen.
„Wir haben wirklich bei null begonnen. Am Anfang mussten wir selbst mitreiten, um überhaupt genügend Teilnehmer:innen zu haben und die Sparte vorstellen zu können.“
Migl begann, sich intensiver mit der Disziplin zu beschäftigen und selbst Veranstaltungen zu organisieren. Zunächst war Working Equitation im Breitensport angesiedelt, 2013 erfolgte die Anerkennung als eigenständige OEPS-Sparte. Parallel dazu entstanden geregelte Ausbildungswege und der Verein Working Equitation Austria als Plattform für Reiter:innen aus ganz Österreich.
Mittlerweile umfasst das österreichische Netzwerk 30 anerkannte Working-Equitation-Lehrwart:innen. Viele sind mit mobilen Trailhindernissen in den Bundesländern unterwegs und bringen die Sportart direkt in die Reitställe. Auch die Ausbildung von Richter:innen ist mit Kursen, Prüfungen, Beisitzen und „Shadow Judging“ klar geregelt. Ein nächstes Ziel ist eine eigene Ausbildung für Parcoursbauer:innen.
Wenn das Pony das 200.000-Euro-Pferd schlägt
Working Equitation entwickelte sich aus den traditionellen Arbeitsreitweisen Südeuropas. Gefragt waren Pferde, die Rinder treiben, Tore öffnen und schließen oder sicher eine Brücke überqueren konnten. Daraus entstand ein Sport mit Dressur, Trail und Speedtrail.
Die Dressur bildet die Basis. Im Trail zählen Rittigkeit, Geschicklichkeit und Vertrauen, im Speedtrail kommen Tempo sowie Straf- und Bonussekunden hinzu. Für Migl liegt gerade in dieser Kombination die besondere Faszination.
„Das beste Pferd ist das, das mit seinem Reiter die Aufgaben am besten bewältigt. Welche Rasse es ist, spielt keine Rolle.“
Auf den Turnieren reicht das Feld vom Isländer über Haflinger, Noriker und Tinker bis zum Warmblut und Pony. Nicht die spektakulärsten Gänge oder der Kaufpreis entscheiden, sondern die Qualität der Zusammenarbeit.
„Ich kann mir ein Pferd um 200.000 Euro kaufen. Wenn es mit mir aber nicht über die Brücke geht, kann danach ein kleines, dickes Pony kommen, das mit seinem Reiter alles macht – und dieses Pony steht am Ende bei der Siegerehrung vorne.“
Die Pferde müssen fein auf Sitz und Schenkel reagieren. Beim Öffnen eines Tores oder bei der Arbeit mit der Garrocha bleibt schließlich nur eine Hand am Zügel. Ohne Vertrauen, Ruhe und eine solide dressurmäßige Ausbildung lassen sich die Aufgaben nicht lösen.
Gleichzeitig ist der Einstieg bewusst offen gestaltet. Kinder können ab vier Jahren in der Führzügelklasse teilnehmen. Danach folgen Kinder- und Nachwuchsbewerbe sowie die allgemeine Klasse. Nach oben gibt es kein Alterslimit: Die älteste aktive Working-Equitation-Reiterin Österreichs ist laut Migl 75 Jahre alt und kommt aus Oberösterreich.
Sicherheit vor Geschwindigkeit
Auch das Reglement soll Pferd und Reiter:in unterstützen. Traut sich ein Pferd etwa nicht über eine Brücke, kann der oder die Richter:in bei bis zu zwei Hindernissen helfend eingreifen. Für das jeweilige Hindernis gibt es null Punkte, das Paar darf den Bewerb aber fortsetzen.
„Wenn ich sehe, dass eine kleine Hilfe reicht, um dem Pferd Vertrauen zu geben, gehe ich hin und führe es über die Brücke“, erklärt Migl die sogenannte Richterhilfe.
Zeigen sich im Trail größere Probleme, kann die Starterlaubnis für den Speedtrail verweigert werden. Das komme selten vor, sei aber ein wichtiger Sicherheitsanker. „Wenn ein Trainingsmangel erkennbar ist oder sich die Nervosität überträgt, wird der Start untersagt, damit nichts passiert und das Pferd nicht mit einer schlechten Erfahrung nach Hause geht.“
Das Tempo müsse immer dem Ausbildungsstand des Pferdes entsprechen. Gerade in den Einstiegsklassen sei der Speedtrail oft nicht mehr als ein etwas flüssiger gerittener Trail. Erst wenn die Hindernisse sicher bewältigt werden, dürfe die Geschwindigkeit steigen.
Gemeinschaft trotz Einzelsport
Den Erfolg der jungen Sparte erklärt Migl auch mit einer besonderen Mischung: Training und Turnierstart lassen sich individuell organisieren, gleichzeitig ist der Zusammenhalt eng. Anders als in Mannschaftssportarten müssen nicht mehrere Reiter:innen regelmäßig zur selben Zeit trainieren. Beim Turnier entsteht dennoch ein starkes Gemeinschaftsgefühl.
„Es wird miteinander gelitten, wenn jemand aus einem Bewerb fällt, und miteinander gefeiert, wenn jemand gewinnt. Neulinge werden sehr offen aufgenommen.“
Die drei Teilbewerbe sorgen dafür, dass sich die Gesamtwertung immer wieder verändert. Ein Fehler bedeutet nicht automatisch das Turnierende. Wer in einem Bewerb ausscheidet, kann die Punkte aus den beiden anderen Prüfungen behalten. „Bei uns wird immer erst am Ende abgerechnet. Vor dem letzten Starter im Speedtrail kann sich niemand sicher sein, dass er gewinnt.“
Viele Teilnehmer:innen bleiben während der zwei- oder dreitägigen Veranstaltungen vor Ort, reisen in Gruppen an oder kommen mit dem Camper. „Man kann sich am Abend an jeden Tisch dazusetzen. Auf dieses Miteinander bin ich sehr stolz.“
Aus den kleinen Anfängen sind mittlerweile Großveranstaltungen geworden. Das bisher größte Turnier wurde auf drei Austragungsplätzen abgewickelt: 150 Reiter:innen absolvierten insgesamt 450 Starts.
Auch international hat sich Österreich etabliert. 2024 gewann die heimische Equipe laut Migl die weltweite Nationenwertung. Bei der bevorstehenden Weltmeisterschaft in Spanien vertreten Tanja Dobernig aus Salzburg und Julia Hartl aus Wien die rot-weiß-roten Farben. Migl selbst wird als Technical Delegate des Weltverbandes vor Ort sein.
Ihr persönliches Motto fasst gleichzeitig die Entwicklung der vergangenen 15 Jahre zusammen: „Teamwork makes the dream work.“
