Mit 26 bestritt Harald Ambros in Aachen seine erste Weltmeisterschaft, nun kehrt der oberösterreichische Vielseitigkeitsreiter mit dem 17-jährigen Vitorio du Montet zurück. Vor seiner vierten WM spricht der Zahnarzt über ein Pferd mit feinem Gespür, jahrelange Aufbauarbeit und Pläne, für seine fünfte Olympia-Teilnahme in LA28.
Am Montagmorgen hat für Harald Ambros die Reise zurück an einen besonderen Ort begonnen. Rund 750 Kilometer und neun Stunden liegen zwischen seinem Stall in Oberösterreich und Aachen. Mit an Bord: Ehefrau Susanne und Vitorio du Montet. Der 17-jährige Wallach ist das einzige Pferd, das Ambros zur Weltmeisterschaft mitnimmt.
20 Jahre ist es her, dass der heute 46-Jährige erstmals bei einer WM in Aachen ritt. Damals war Ambros 26 – ungefähr so alt wie seine oberösterreichische Teamkollegin Lea Siegl heute. Die Weltreiterspiele beeindruckten ihn, unvorbereitet traf ihn die Dimension des Championats aber nicht. Zwei Jahre zuvor hatte er bereits bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 zum österreichischen Team gehört.
Aachen 2006 ist auch Teil einer gemeinsamen Geschichte mit Lea Siegl. Sie erlebte das Championat als Kind an der Seite ihres Vaters Harald Siegl. Beim Blick in einen mächtigen Geländesprung soll für sie festgestanden haben, dass sie eines Tages selbst auf diesem Niveau reiten wollte. Ambros wiederum hatte 2004 gemeinsam mit ihrem Vater Österreich bei Olympia vertreten. Heute bezeichnet er das Verhältnis zu Lea Siegl wie folgt: „Sie ist wie ein Familienmitglied für mich.“
Routine allein reicht Vitorio nicht
Für Ambros ist Aachen die vierte Weltmeisterschaft. Nach seinem Debüt 2006 folgten Kentucky 2010 und Pratoni del Vivaro 2022. Trotzdem überließ der Oberösterreicher in der Vorbereitung nichts der Routine. Der Grund dafür trägt den Namen Vitorio du Montet.
„Routine hat er en masse. Aber er weiß sofort, wenn es um etwas geht. Ob er auf einem Dressur-, Spring- oder Vielseitigkeitsturnier ist, checkt er gleich. Das glaubt man nicht, aber er weiß das ganz genau“, erzählt Ambros.
In den Wochen vor der WM absolvierte das Paar mehrere Starts in Dressur und Springen. Nicht um zusätzliche Spannung aufzubauen, sondern um genau das Gegenteil zu erreichen. „Es ging nicht darum, ihn scharf zu machen. Ich wollte die Spannung herausbekommen: wieder ein Viereck, noch einmal ein Viereck, noch ein anderer Turnierplatz. Damit er ein bisschen abschaltet.“
Ambros kennt eben das etwas labile „Nervenkostüm“ seines Sportpartners. Der Wallach braucht Zeit, um an einem Turnierort anzukommen und die Abläufe einzuordnen. Deshalb reist sein Reiter lieber früher an. Je länger Vitorio die Umgebung kennt, desto leichter fällt es ihm, mental zur Ruhe zu kommen.
Dass das Duo sportlich auf Kurs liegt, zeigte es zuletzt Ende Juni mit Rang zwei in der Einzelwertung des Nationenpreises in Strzegom (POL). Die großen gemeinsamen Bewährungsproben liegen ohnehin noch nicht lange zurück: Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris belegte Ambros mit Vitorio Platz 34. Ein Jahr später trugen sich die beiden bei der Europameisterschaft in Blenheim gemeinsam mit Lea Siegl und Katrin Khoddam-Hazrati mit dem fünften Mannschaftsrang bei. Weil Österreich nur mit drei Paaren angetreten war, musste jedes Ergebnis zählen. Mit dem fünften Platz sicherte das Team zugleich die Teilnahme an der WM in Aachen.
Der Reiz liegt im Aufbau
Wenn Ambros nicht im Sattel sitzt, arbeitet er als Zahnarzt in seiner Praxis in Landshaag bei Feldkirchen an der Donau. Vier Olympische Spiele, vier Weltmeisterschaften und mehr als zwei Jahrzehnte auf internationalem Niveau werfen daher eine naheliegende Frage auf: Warum nimmt er diesen Aufwand weiterhin auf sich?
„Die Faszination ist das Geländereiten. Dabei geht es mir gar nicht so sehr um das Adrenalin. Das Schöne ist, ein Pferd von den niedrigen Klassen mitzunehmen und zu erleben, wie es sich steigert, wie es mit den höheren Anforderungen zurechtkommt und selbst Freude daran entwickelt.“
Darin liegt der Kern von Ambros’ sportlichem Verständnis. Nicht der einzelne große Auftritt treibt ihn an, sondern der lange Weg dorthin. Früher hatte er fünf oder sechs junge Pferde parallel in Ausbildung. Inzwischen ist sein Bestand kleiner geworden. Die Konzentration gilt wenigen Pferden, deren Entwicklung er gezielt begleitet.
Vitorio ist das beste Beispiel. Mit ihm erlebte Ambros die Atmosphäre der Olympischen Spiele in Paris und den EM-Erfolg von Blenheim. Nun folgt Aachen. Für den 17-Jährigen könnte es eines der letzten ganz großen Championate sein.
Für die WM reist Österreich erstmals seit Längerem wieder mit einem vollständigen Vielseitigkeitsteam aus vier Paaren an. Damit steht im Gegensatz zur EM ein Streichergebnis zur Verfügung. Die direkte Olympiaqualifikation für Los Angeles 2028 wäre für Ambros dennoch eine große Überraschung. Dafür müsste Österreich zu den sieben weltbesten Teams gehören.
„Du kannst dein Bestes geben und dann schauen, was herauskommt. Gerade im Reitsport kannst du nie alles vorausplanen. Mit dem Pferd ist immer ein unberechenbarer Faktor dabei.“
Blickrichtung Olympische Spiele LA28
Ganz ohne langfristige Planung geht es dennoch nicht. Weil Vitorio 2028 voraussichtlich nicht mehr zur Verfügung stehen wird, hat Ambros schon vor rund zwei Jahren den heute elfjährigen Constantin124 gekauft. Der Wallach ist inzwischen auf Vier-Sterne-Niveau platziert und soll schrittweise an größere Aufgaben herangeführt werden.
„Man kann nicht sagen: Nächstes Jahr kaufe ich mir ein Pferd und reite dann in Los Angeles. Selbst wenn man viel Geld ausgibt, wird das wahrscheinlich nicht funktionieren. Es dauert, bis man zusammenspielt und alles funktioniert. Ich habe mit Constantin jetzt schon wieder zwei Jahre investiert. Ob es am Ende aufgeht, weiß man nie – aber so viel zum Thema Planung.“
Zunächst zählt Aachen. Jener Ort, an dem Ambros vor 20 Jahren seine erste WM bestritt und Lea Siegl als junges Mädchen von einer eigenen Vielseitigkeits-Karriere träumte.
WM-Team, Zeitplan, TV-ÜbertragungÖsterreichs WM-Team:
Harald Ambros (OÖ) – Vitorio du Montet
Daniel Dunst (ST) – Chevalier 97
Katrin Khoddam-Hazrati (ST) – Renegade 2
Lea Siegl (OÖ) – Watermill Giorgio RS
Equipechef: Thomas Tesch
WM-Zeitplan, Vielseitigkeit:
Do, 13. August, 09:30-17:00 Dressur Team- & Einzelwertung – Teil 1
Fr, 14. August, 09:30-17:00 Dressur Team- & Einzelwertung – Teil 2
Sa, 15. August, 09:15-15:55 Gelände Team- & Einzelwertung
So, 16. August, 13:00-17:20 Springen Team- und Einzelwertung (Medaillenentscheidung)
Start- und Ergebnislisten auf lonignestiming.com
Geplante TV-Übertragung auf ORF
Sonntag, 16. August, 12.55 Uhr, ORF ON: Vielseitigkeit Team & Einzel (Kommentator Michael Roscher, Co-Kommentatorin Charlotte Dobretsberger, um 15.45 Uhr zeitversetzt live in OSP)
