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Samstag, 15. August 2026 News • Menschen • Sport

Fahren · Steiermark

WM-Oldie Binder mit 4 PS zum Lebenstraum

Für Wolfgang Binder wird in Aachen ein Lebenstraum Wirklichkeit. Der 71-jährige Steirer tritt bei den FEI World Championships mit seinem Vierspänner an – auf einer der größten Bühnen des Pferdesports. Gemeinsam mit Alexander Bösch, Erwin Gillinger und Daniel Schneiders sorgt Binder dafür, dass Österreich bei der Vierspänner-Weltmeisterschaft mit gleich vier Fahrern vertreten ist.

Für Binder ist die Qualifikation weit mehr als ein weiterer internationaler Start. Hinter dem Auftritt in Aachen stehen Jahrzehnte mit Pferden, unzählige Stunden Ausbildung und ein enormer persönlicher Einsatz. Denn einen konkurrenzfähigen Vierspänner stellt man nicht innerhalb einiger Monate zusammen. „Bei einem Gespann kann man nicht auf die letzten Wochen oder Monate schauen. Das sind Jahre, die man investiert, bis man einen Viererzug beisammenhat, bei dem alles Hand und Fuß hat. Für mich ist es eine Ehre, dass ich mich in meinem Alter noch für eine Weltmeisterschaft in Aachen qualifizieren konnte. Ich würde dort nicht hinfahren, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass meine Pferde gut genug dafür sind“, sagt Binder.

Auf seiner Aachener Pferdeliste stehen Cool Moment TSF, Havelland TSF, Itzenplitz TSF, Mistery 12 und Reinzauber TSF. Vor allem die Trakehner machen sein Gespann außergewöhnlich. Binder setzt seit Jahren konsequent auf diese Pferde und hat seinen Viererzug über Jahre selbst aufgebaut und ausgebildet. Dass dieser Weg nun ausgerechnet nach Aachen führt, besitzt für ihn besondere Bedeutung. In seinem WM-Steckbrief bezeichnet Binder den Start als einen Lebenstraum, der Wirklichkeit werde. Mit seinen Pferden dort bei einer Weltmeisterschaft antreten zu dürfen, sei nach all den gemeinsamen Jahren kaum in Worte zu fassen.

Vom pferdebegeisterten Buben zum WM-Fahrer

Selbstverständlich war dieser Weg keineswegs. Binder wuchs als eines von fünf Kindern in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater arbeitete als Maurer, ein eigenes Pferd war für die Familie finanziell nicht möglich. Die Begeisterung war trotzdem schon damals da. Wann immer sich die Gelegenheit bot, zog es ihn zu Bauernhöfen, auf denen Pferde standen.

Nach seinem Studium und mit dem ersten selbst verdienten Geld erfüllte er sich schließlich den Wunsch nach einem eigenen Pferd. Zum Fahrsport kam Binder später. In den 1990er-Jahren absolvierte er über seinen Verein einen Fahrkurs – und entdeckte jene Disziplin, die ihn fortan nicht mehr loslassen sollte. „Jedes Pferd hat seinen eigenen Charakter, seine Stärken und seine Aufgabe. Diese Pferde zu verstehen und sie gemeinsam mit dir selbst zu einer Einheit zu formen, das ist die große Kunst“, beschreibt Binder seine Faszination.

Genau dieses Gefühl nennt er auch als schönsten Moment im Fahrsport: jenen Augenblick, in dem vier Pferde, Fahrer und Wagen zu einer Einheit verschmelzen. Vertrauen, Gefühl, Geduld und jahrelange Arbeit seien die Voraussetzung dafür.

Trakehner als Herzenspferde

Während im internationalen Spitzensport leistungsfertige Pferde häufig gezielt für ein Gespann erworben werden, hat Binder seine Pferde über Jahre selbst entwickelt und ausgebildet. Dadurch kennt er ihre Charaktere, Stärken und Eigenheiten bis ins Detail. „Natürlich gibt es viele sehr gute Fahrer, bei denen Trainer die Pferde vorbereiten. Wir haben das alles selbst gemacht. Dadurch kenne ich jedes Pferd und weiß genau, was es braucht und was ich von ihm verlangen kann.“

Der Aufwand dahinter ist enorm. Binder ist Unternehmer und damit weit davon entfernt, sich ausschließlich dem Spitzensport widmen zu können. Beruf, tägliches Training und die Betreuung der Pferde müssen miteinander vereinbart werden. „Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem man nicht auf dem Kutschenwagen sitzt oder irgendetwas mit den Pferden macht. Du musst wahrscheinlich ein kompletter Spinner sein, um so etwas über Jahre durchzuziehen“, sagt Binder mit einem Lachen. „Aber wenn du dieses Herz für die Pferde hast, dann machst du das. Wenn ich nach einem stressigen Tag im Unternehmen in den Stall komme und einspanne, kann ich abschalten.“

Seine Pferde sind für ihn deshalb weit mehr als Sportpartner. In seinem Aachen-Steckbrief bezeichnet er sie schlicht als „Herzenspferde“ – als Partner, Familie und einen großen Teil seines Lebens.

Vier Österreicher in Aachen

Binder weiß gleichzeitig, mit welcher Konkurrenz er es in Aachen zu tun bekommt. Der internationale Vierspännersport ist an der Spitze von professionellen Strukturen geprägt. Während viele seiner Konkurrenten hauptberuflich mit Pferden arbeiten, verbindet der Steirer seinen Sport weiterhin mit seinem Unternehmen. „Natürlich weiß ich, dass wir gegen absolute Profis fahren. Ich bin realistisch genug, um zu wissen, dass wir nicht um die vordersten Plätze mitfahren werden. Aber wir haben uns qualifiziert, wir dürfen Österreich vertreten und können zeigen, was wir über viele Jahre aufgebaut haben. Darauf bin ich stolz.“

Neben Binder vertreten Alexander Bösch aus Vorarlberg, Erwin Gillinger aus Oberösterreich und Daniel Schneiders aus Oberösterreich Österreich bei der Vierspänner-Weltmeisterschaft.

Die WM beginnt für die Fahrer am Donnerstag, 20. August, mit dem ersten Teil der Dressur, die am Freitag fortgesetzt wird. Am Samstag, 22. August, wartet mit dem Marathon die spektakulärste Teilprüfung, ehe am Sonntag, 23. August, das Kegelfahren die Weltmeisterschaft beschließt.

Für Wolfgang Binder sind es Tage, auf die er über viele Jahre hingearbeitet hat. Mit 71 Jahren, einem selbst aufgebauten Gespann und Pferden, die für ihn längst zur Familie gehören. „Vor dem Start denke ich an meine Pferde und daran, was wir gemeinsam geschafft haben. Ich versuche, ihnen zu vertrauen und den Moment zu genießen. Denn genau für solche Augenblicke arbeitet man jahrelang.“