Daniel Schneiders gehört zu den besten Marathonfahrern der Welt. Bei der Vierspänner-WM in Aachen muss der für Oberösterreich startende Hufschmied sein Gespann kurzfristig umbauen: Führungspferd Inebie fällt verletzt aus, der kleinere Schimmel Duende rückt zwischen die Füchse. Im Interview spricht Schneiders über den Rückschlag, die neue Rollenverteilung, Österreichs Chancen und die besondere Belastung der Pferde in Aachen.
Daniel, am Mittwoch hat die WM mit der Horse Inspection begonnen. Mit welchem Gefühl kommst du nach Aachen?
Daniel Schneiders: Grundsätzlich mit einem guten Gefühl. Die Pferde sind sehr gut drauf. Wir haben sie individuell im Ein- und Zweispänner gearbeitet und noch ein ruhiges Marathontraining gemacht. Dabei ging es nicht um Geschwindigkeit, sondern darum, dressurmäßig durch die Hindernisse zu fahren und den Pferden ein gutes Gefühl zu geben. Die Horse Inspection haben wir schon einmal erfolgreich absolviert.
Dein wichtiges Führungspferd Inebie fällt verletzt aus. Wie stark verändert das deine Ausgangslage?
Schneiders: Sehr stark. Inebie wäre vorne alle drei Prüfungen gegangen. Gemeinsam mit Dancingstar ist er ein sehr eingespieltes Führungspferd. Zu Hause kann man ein Pferd ersetzen, aber bei einem Turnier und speziell in der Atmosphäre von Aachen ist das noch einmal etwas ganz anderes. Deshalb musste ich meine persönlichen Ziele um zwei Stufen zurücksetzen.
Ursprünglich wollte ich mindestens in die Top 10, eigentlich eher in die Top 5. Jetzt wäre bei mehr als 50 Gespannen eine Platzierung zwischen Rang zehn und 20 ein gutes Ergebnis. Wir schauen, was möglich ist.
Gab es nach der Verletzung den Gedanken, auf die WM zu verzichten?
Schneiders: Ja. Die Verletzung hat zunächst das ganze Team runtergezogen. Wir waren alle traurig und haben kurz darüber gesprochen, ob wir komplett absagen. Dann haben wir uns aufgerafft und gesagt: Wir haben noch fünf Pferde. Mit denen machen wir das Beste, was möglich ist.
Das Problem war der Zeitpunkt. Inebie hat sich zwei Tage nach dem ersten Nennungsschluss verletzt. Danach durfte kein weiteres Pferd mehr auf die Liste gesetzt werden. Ich hätte von einem niederländischen Fahrer sogar einen passenden Fuchs bekommen können, aber wir konnten ihn nicht mehr nachnominieren.
Welche Rolle übernimmt Duende im neu zusammengestellten Gespann?
Schneiders: Duende rückt für Inebie in die Mannschaft. Ich habe ihn im Training schon häufig vorne neben Dancingstar eingesetzt. Er tut Dancingstar sehr gut, beruhigt ihn und gibt ihm Sicherheit. Das merke ich jetzt auch in der Vorbereitung. Das gesamte Gespann ist entspannt und besitzt eine gewisse Grundleichtigkeit.
Natürlich ist das Bild in der Dressur anders. Duende ist ein Schimmel, die anderen sind Füchse. Außerdem ist er ungefähr zehn Zentimeter kleiner. Wir können ihn nicht anmalen und auch nicht größer zaubern. Ich hoffe, dass die Richter:innen nicht nur auf Farbe und Größe schauen, sondern erkennen, dass das Gespann trotzdem harmonisch ist.
Hilft die gemeinsame Offenstallhaltung bei einer solchen Umstellung?
Schneiders: Absolut. Die Pferde gehören zur Familie. Wie in jeder Familie gibt es eine Rangordnung, und bei uns ist Dancingstar der Chef. Aber alle kennen einander sehr genau.
Duende strahlt viel Ruhe aus. Dadurch hat niemand im Gespann das Gefühl: Jetzt fehlt Inebie und wir sind verloren. Unsere sportliche Leistungsfähigkeit ist durch den Ausfall vielleicht etwas schwächer, aber das Team funktioniert weiterhin.
Die Offenstallhaltung bringt außerdem eine enorme Grundkondition. Die Pferde bewegen sich ständig, spielen miteinander und bleiben muskulär aktiv. Wenn die Gruppendynamik und die Infrastruktur passen, gibt es aus meiner Sicht nichts Besseres.
Du hast in Aachen zuletzt die Plätze zwei und drei im Marathon belegt und heuer die Geländeprüfung in Windsor gewonnen. Was macht dich in dieser Disziplin so stark?
Schneiders: Die Pferde sind sehr fit, und wir sind als Team gut eingespielt. Trotzdem geht es nicht nur darum, möglichst schnell zu fahren. Man muss wissen, wann man Risiko nehmen kann und wo man den Pferden helfen muss.
Mit der Topbesetzung hätten wir in Aachen im Marathon sicher angegriffen. Vielleicht hätten wir sogar auf Sieg fahren können. Jetzt schauen wir, wie sich das neue Gespann anfühlt. Ich werde versuchen, ohne Druck das Beste herauszuholen.
Was unterscheidet den Marathon in Aachen von anderen Turnieren?
Schneiders: Die Atmosphäre. Schon in der Dressur sind sehr viele Menschen rund um den Platz. Im Marathon stehen dann Tausende Zuschauer:innen an den Hindernissen. Die Pferde besitzen ausreichend Kondition, aber sie werden durch die vielen Eindrücke im Kopf schneller müde.
Das darf man nicht unterschätzen. Ich versuche deshalb, meine Wege gegen Ende etwas größer anzulegen. Wenn die Pferde mental müder werden, sollen sie die Hindernisse weiterhin gut bewältigen können, ohne gestresst zu werden. Ein paar Meter mehr können dann die bessere Entscheidung sein.
Österreich ist erstmals seit 2016 wieder mit einer vollständigen Mannschaft bei einer Vierspänner-WM vertreten. Was ist für das Team möglich?
Schneiders: Wir wollen den zehnten Platz von damals verbessern und einstellig werden. Alexander Bösch, Erwin Gillinger, Wolfgang Binder und ich bilden eine gute Gruppe. Wenn an diesem Wochenende alles auf unserer Seite ist, können wir vielleicht Fünfter, Sechster oder Siebenter werden.
Bei unserem Nationenpreis in Rastede ist es nicht optimal gelaufen. Wir wurden Sechster von sieben Teams und hatten kein Streichergebnis. Ich war dort mit einem Ersatzpferd unterwegs. Das spiegelt unsere Möglichkeiten nicht vollständig wider. In Aachen wollen wir zeigen, dass wir es besser können.
Deine Beifahrerin Juliane Schröder ist in Aachen auch Equipechefin. Wie funktioniert diese Doppelfunktion?
Schneiders: Juli kennt sich sehr gut mit dem Regelwerk aus, ist gewissenhaft und kennt unser Team. Ursprünglich sollte sie den Bundesreferenten Charly Wutte unterstützen. Daraus hat sich ergeben, dass sie in Aachen die Funktion der Equipechefin übernimmt.
Für mich ist das natürlich besonders, weil wir seit vielen Jahren zusammenarbeiten. Sie weiß genau, was im Gespann und rund um die Pferde passiert. Im Fahrsport ist das Team hinter dem Fahrer ohnehin entscheidend. Allein kann man diesen Sport nicht betreiben.
Du lebst in der Nähe von Osnabrück und arbeitest weiterhin täglich als Hufschmied. Wie lässt sich dieser Aufwand mit Spitzensport verbinden?
Schneiders: Wenn ich zu einem Turnier fahre, muss ich die Woche davor sehr viel vorarbeiten. Danach wartet die Arbeit, die während des Turniers liegen geblieben ist. Eine Turnierwoche ist deshalb eigentlich auch eine volle Arbeitswoche – nur eben mit anderer Arbeit.
Ich habe diese Saison beruflich etwas reduziert, damit ich mehr Zeit für das individuelle Training der Pferde habe. Trotzdem arbeite ich jeden Tag. Von zu Hause bis Aachen sind es ungefähr drei Stunden. Das ist für uns diesmal zumindest eine relativ kurze Anreise.
Warum trittst du für Österreich und einen oberösterreichischen Verein an?
Schneiders: Zu Österreich hatte ich immer schon einen guten Bezug. Mein erstes internationales Turnier bin ich vor mehr als 20 Jahren in Altenfelden gefahren. Wir haben uns dort immer sehr wohlgefühlt. Später habe ich auch österreichische Fahrer trainiert.
In Deutschland gab es aus meiner Sicht einige Konflikte mit dem Verband. Irgendwann war für mich der Punkt erreicht, an dem ich einen anderen Weg gehen wollte. In Österreich sind wir seit Jahren sehr glücklich. Der Verband macht im Rahmen seiner Möglichkeiten viel für uns, und die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut.
Du hast angedeutet, dass dies deine letzte Saison als Vierspännerfahrer sein könnte. Welche Bedeutung bekommt Aachen dadurch?
Schneiders: Ich betreibe den Vierspännersport seit rund 25 Jahren. Der zeitliche und finanzielle Aufwand ist enorm, besonders ohne große Sponsoren. Deshalb kann es sein, dass dies meine letzte Saison in dieser Form wird.
Aber ich möchte daraus jetzt keine große Abschiedsgeschichte machen. Zuerst kommt Aachen. Wenn wir am Ende mit jener Leistung zufrieden sein können, die wir mit diesem Gespann erbringen können, dann haben wir alles erreicht. Wo wir damit in der Ergebnisliste stehen, sehen wir danach.
FEI Driving World Championship Four-in-Hand
Startzeiten Team Austria, Dressur:
Donnerstag, 20. August, 13:40 Uhr
Alexander Bösch (V) mit Daddy’s Sunshine, Franz Josef, Freestyle 3, Levisto 3; Grooms: Claudia Kinz, Stephanie Herburger
Freitag, 21. August, 11:36 Uhr
Daniel Schneiders (OÖ) mit Dancingstar, Duende, Fanno, Kroon Juweel; Grooms: Juliane Schröder, Ann-Kathrin Schneiders
Freitag, 21. August, 12:40 Uhr
Wofgang Binder (ST) mit Cool Moment TSF, Havelland TSF, Itzenplitz TSF, Mistery; Grooms: Julia Lahner, Jochen Gramberger
Freitag, 21. August, 15:45 Uhr
Erwin Gillinger (OÖ) mit Eros, Fernandez, Harry, Magistraal; Grooms: Michaela Drnkova, Sofie Hasna
